ELIA LEVITA

Ein bedeutender Sohn Ipsheims

Wenn jemand in allen großen Lexika der europäischen Kulturnationen steht und bei jeder Neuauflage immer wieder aufgeführt wird, muss er zu den bedeutendsten Köpfen der Menschheit zählen. Dass dazu ein gebürtiger Ipsheimer zählt, ist eine ganz neue Erkenntnis. Denn die Lexika erwähnen Ipsheim nicht - noch nicht! Als Geburtsort ist fast stets Neustadt a.d. Aisch angegeben, in einigen Fällen Venedig.

Die Rede ist von dem zu seiner Zeit berühmten jüdischen Humanisten und Sprachwissenschaftler Elia Levita, im jüdischen Sprachgebrauch Elia Bachur oder Elia Ben Asher Ashkenasi = Elia, Sohn des Asher, genannt der Deutsche.

Aber in Ipsheim gab es doch gar keine Juden, wird man mir entgegenhalten. Das ist wohl ein Irrtum! Mit Sicherheit wohnte im 15. Jahrhundert mindestens eine jüdische Familie in Ipsheim. Im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts sind zwar noch einige jüdische Hausbesitzer fassbar, sie wohnten jedoch nicht dort. So hat 1726 ein Josef Levi aus Neustadt a.d. Aisch den Komplex der Mayschen Schlosshöfe (ehemals Hausnummern 100 und 102, jetzt Marktplatz 15) erworben und ihn 1728 an den Bäcker Philipp Riedel weiterverkauft. 1806 verkauft Mendel Löw aus Lenkersheim das untere Stockwerk des Mayschen Schlössleins (Hausnummer 101, jetzt Kirchplatz 1). Eine Statistik von 1807 nennt aus dem Bereich des damaligen königlich-preußischen Kammeramtes Ipsheim die Orte Lenkersheim mit 13, Burgbernheim und Dottenheim mit je drei und Kaubenheim mit sieben jüdischen Familien. Ipsheim wird in der Statistik nicht erwähnt.

Dass jedoch in früheren Jahrhunderten jüdische Familien hier gelebt haben mussten und eine davon sogar einen bedeutenden Wissenschaftler hervorgebracht hat, ist ein neuer und interessanter Aspekt der Ipsheimer Dorfgeschichte. Die zufällige Entdeckung spielte sich folgendermaßen ab:

1. Szene, Ort: Wien. Da stößt vor einigen Jahrzehnten ein Levita-Forscher in der österreichischen Nationalbibliothek in Wien durch Zufall auf ein kostbares Werk aus der Frühzeit des Buchdruckes. Es handelt sich um das seltene Exemplar eines hebräischen Wörterbuches aus dem 12. Jahrhundert, das jener Elia Levita Anfang des 16. Jahrhunderts mit eigenen Kommentaren in Italien herausgebracht hatte. Im Kopf der ersten Seite findet sich ein handschriftlicher Vermerk folgenden Inhalts: "Der Herr hat in seiner Gnade seinen Diener gesegnet, den jüngsten, verachtswertesten, niedrigsten unter den Menschen, Elie, Sohn des Rabbi Asher (gesegnet sei sein Andenken) aus dem Dorf Ipsheim." Schriftvergleiche ergeben, dass es tatsächlich die Handschrift Levitas ist. Das Buch stammt demnach aus Levitas Eigenbesitz.

2. Szene, Ort: Universität Leiden, Holland. Professor Gérard Weil geht von dieser Entdeckung in Wien aus und schreibt ein Buch über Elia Levita. Es erscheint 1963 in französischer Sprache und stellt das bisher umfangreichste und gründlichste Werk der Levita-Forschung dar.

3. Szene, Ort: Schweinfurt. Der Schweinfurter Gymnasiallehrer Rudolf Scheuring liest die Reproduktion eines Ritterromans von Elia Levita, 1949 in den USA gedruckt. Scheuring stößt dort auf die Anmerkung, dass Levita 1469 im Dorfe Ipsheim an der Aisch bei Nürnberg geboren sei. Er teilt dies freundlicherweise dem Ipsheimer Bürgermeister mit.

4. Szene, Ort: Ipsheim. Die Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung legt mir bei einem meiner Besuche im Gemeindearchiv den Brief aus Schweinfurt auf den Tisch. "Vielleicht können Sie damit etwas anfangen?" Levita? Der Große Brockhaus hilft weiter: "... jüdischer Gelehrter und Grammatiker, geb. in Neustadt a.d. Aisch, 13.02.1469, gest. 28.01.1549 ... übte wesentlichen Einfluss auf die christliche Hebraistik aus ..." Das umfangreiche Angebot an Nachschlagewerken der Universitätsbibliothek Erlangen aus aller Herren Länder bietet Ausführlicheres. Aber bis auf ein französisches Lexikon, das Venedig als Geburtsort nennt, geben sie alle Neustadt a.d. Aisch als Geburtsort an. Dann stoße ich auf das Buch von Gérard Weil: Elia Levita, Humaniste et Massorète (1469 - 1549). Weil berichtet ausführlich über den handschriftlichen Vermerk Levitas zu seinem Geburtsort Ipsheim. Er bezeichnet den Fund als einen ganz großen Zufall ("retrouvée par le plus grand des hasards").

Der Lebensweg Elia Levitas ist außergewöhnlich. Nach Weil ist Elia Levita um 1469/70 in Ipsheim geboren, als jüngster von neun Söhnen des Rabbi Asher Levita. Andere Forscher errechnen sein Geburtsdatum auf den 13.02.1469, allerdings mit dem Geburtsort Neustadt a.d. Aisch. Wenn ein Rabbi mit seiner Familie in Ipsheim lebte, kann man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit annehmen, dass auch noch andere jüdische Familien zu jener Zeit in Ipsheim wohnten. Beweise hierfür haben sich jedoch bis jetzt nicht finden lassen.

Die Familie scheint schon frühzeitig nach Neustadt a.d. Aisch verzogen zu sein. Wir wissen nicht, wann; erschließbar ist jedoch, warum. Markgraf Albrecht Achilles (reg. 1440 - 1486) hatte am 07. Januar 1473 den Juden seines Herrschaftsgebietes einen "Freibrief" ausgestellt. Hiernach durften die Juden im ganzen Land Handel treiben, Tiere opfern und ihren Riten gemäß baden. Darüber hinaus erhielten sie das Recht, ihren Wohnsitz zu wechseln. Es ist denkbar, dass Rabbi Asher diese Gelegenheit nutzte, und um 1473 mit seiner Familie nach Neustadt a.d. Aisch gezogen ist. Dort, in der Sommerresidenz des Landesherrn, war man sicherer als im ungeschützten Dorf, zumal jetzt auch der "Gänshügel", wo die Juden wohnen konnten, im Schutz der erweiterten Stadtmauer lag. Markgraf Albrecht ließ auch die diskriminierende Kennzeichnung der Juden nicht zu - Spitzhut oder gelber Reifen -, obwohl er vom Fürstbischof von Bamberg dazu aufgefordert worden war.

Die Großmut des Markgrafen war nicht umsonst zu haben. Jede jüdische Familie musste jährlich 15 fl (Gulden) zahlen, etwa der Preis für 450 Kilogramm Rindfleisch. Ein neuer Schutzbrief im Jahr 1484 brachte dem Landesherrn weitere 800 fl ein. Zusätzlich hatte die jüdische Gemeinde in Neustadt a.d. Aisch der Gemahlin des Fürsten zu Weihnachten 100 fl, seinem Sohn Friedrich ebenfalls 100 fl und dem zweiten Sohn Sigmund 50 fl zu geben. Albrecht Achilles hatte seiner zweiten Gemahlin Anna Neustadt a.d. Aisch als Witwengut zugewiesen. Auch sie hielt ihre schützende Hand über die Neustädter Judenschaft.

So verbrachte Elia Levita den größten Teil seiner Jugend in relativ sicheren Verhältnissen in Neustadt a.d. Aisch. Mit dem Regierungsantritt Friedrichs des Älteren 1486 änderten sich jedoch die Verhältnisse. Nach 1488 kam es wieder zu Judenvertreibungen.

Stationen in Italien:

Padua - Rom - Venedig

Erneute Verfolgung mag wohl für den jungen Elia der Grund gewesen sein, nach Italien auszuwandern. 1496 ist er in Venedig, ab 1504 in Padua zu finden. Seine überragende Intelligenz und seine umfangreichen Kenntnisse, deren Grundstock ihm schon sein Vater vermittelt hatte, dazu seine sprachliche und pädagogische Begabung ließen ihn dort bald zu einem bewunderten und gefragten Lehrer werden, der einen berühmten Schülerkreis um sich versammelte. Als erster Jude führte er christliche Wissenschaftler in die hebräische Sprache ein. Bekannte Humanisten der Reformationszeit, wie Sebastian Münster und Paul Fagius, scheuten nicht die weite und beschwerliche Reise, um bei ihm Hebräisch zu lernen. Er stand in fruchtbarem Meinungsaustausch mit dem berühmten Tübinger Professor Reuchlin, dem Ziehvater und Großonkel Philipp Melanchthons. Es überrascht nicht, dass auch Melanchthon die Werke Levitas kannte und nutzte, wie man aus dem Brief Melanchthons an die Nürnberger Reformatoren Osiander und Veit Dietrich weiß. Osiander selbst stand im Briefwechsel mit Levita.

Inzwischen ist Levita, etwa ab 1504, in Rom zu finden. Er hatte bei einer Plünderung Paduas seine ganze Habe und seine Manuskripte verloren. In Rom lernte er Ägidius von Viterbo kennen, den Generaloberen des Augustinerordens - und damit den höchsten Vorgesetzten des Augustinermönchs Martin Luther. Ägidius, fasziniert von der Kapazität Levitas, nahm ihn und seine Familie in sein Haus auf und studierte bei ihm die hebräische Sprache. Mehr als zwölf Jahre kann Levita, frei von Unterhaltssorgen, im Hause des Kirchenfürsten - Ägidius ist seit 1517 Kardinal - seinen wissenschaftlichen Arbeiten nachgehen. Levita war wohl der einzige Jude seiner Zeit, der sich einer solchen Gunst erfreuen konnte. Und so erlebte der gebürtige Ipsheimer im Zentrum der Kirche die aufwühlende Auseinandersetzung um Martin Luther.

Aber wieder kam das Verhängnis. 1527 eroberten und plünderten die meuternden Landsknechte Kaiser Karls V. die Ewige Stadt. Wieder verlor Levita seine ganze Habe. Er konnte mit seiner Familie nur das nackte Leben retten und ließ sich schließlich in Venedig nieder. Die großzügige Judenpolitik der Stadt und das Vorhandensein einer leistungsfähigen hebräischen Druckerei waren wohl die Gründe für die Ortswahl.

Bald scharte sich wieder eine gewichtige Schülerschaft um ihn, darunter auch der französische Gesandte und spätere Bischof Georges de Selve. Dessen Berichte beeindruckten den französischen König Franz I. so sehr, dass er Levita die Stelle eines Professors für Hebräisch an der Sorbonne, Europas vornehmster Universität, anbot - ein ganz außergewöhnlicher Gunstbeweis. Nichts könnte Ruhm und Ansehen des gebürtigen Ipsheimers eindrucksvoller unterstreichen. Dazu muss man wissen, dass er der einzige Jude in Frankreich gewesen wäre, denn seit 1394 war den Juden der Aufenthalt in Frankreich verboten. Aber Levita, der sich gerne in alttestamentarischer Weise als "Niedrigster" oder "Verachtenswertester" bezeichnete, besaß so viel Selbstachtung und Solidarität zu seinen Glaubensbrüdern, dass er das ehrende Angebot ablehnte. Es hätte ihn aller wirtschaftlicher Sorgen enthoben. Trotzdem wurde er von orthodoxen Juden wegen seines vorurteilsfreien Umgangs mit Christen, gleich ob Katholiken oder Lutheraner, immer wieder heftig angefeindet.

Noch einmal Deutschland

1541 unternahm Elia Levita im Alter von 71 Jahren noch einmal die Reise in die alte deutsche Heimat. Auf Bitten des Tübinger Professors Paulus Fagius übernahm er in Isny und Konstanz die Korrekturarbeiten zu seinen eigenen Werken, die Fagius herausbringen wollte. In Isny vollendete Levita noch einige wichtige Werke und ließ sie dort auch drucken, sicher mit ein Grund, die anstrengende Reise noch einmal zu wagen. Denn die Druckerei in Venedig war eingegangen. Nach drei Jahren kehrte er nach Venedig zurück. Trotz seines hohen Alters widmete er sich der Vollendung seines wissenschaftlichen Werkes. Er starb in der Lagunenstadt am 28. Januar 1549 im Alter von 80 Jahren.

Levitas Bedeutung für die Nachwelt

In der Vergangenheit stand Levita als Sprachwissenschaftler in hohem Ansehen. Die Übersetzung seiner hebräischen Werke ins Lateinische durch Sebastian Münster verschaffte ihnen eine weite Verbreitung. Paul Fagius, schließlich Professor der Theologie in Straßburg und Cambridge, hat ebenfalls viel dazu beigetragen. So wurde Levita neben Reuchlin zum Begründer der Hebräistik, insbesondere für die Christen. Als sein bedeutendstes gedrucktes Werk gilt "Massoreth ha-Massoreth" (= Überlieferung der Überlieferung), eine kritische sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Überlieferungsgeschichte des Alten Testaments. In der jüdischen Orthodoxie machte er sich damit allerdings viele Feinde.

Nicht weniger bedeutend sind seine Arbeiten über das Jiddische, die hebräisch und slawisch eingefärbte deutsche Mundart der mittel- und osteuropäischen Juden. Er verfasste das erste jiddisch-hebräische Wörterbuch, übersetzte den Psalter ins Jiddische und verfasste Ritterepen in jiddischer Sprache. Sein jiddischer Vers-Roman "Bovo d´Antonia" ist heute noch in vielen jüdischen Familien zu finden. So tritt zu den Leistungen Levitas als Sprachwissenschaftler und Lehrer die des Literaten. Er machte das Jiddische zur Literatursprache.

1983 hat die Stadt Neustadt a.d. Aisch Levitas Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Venedig restaurieren lassen, eine lobenswerte, wenn auch späte Geste an ihren großen Sohn. Die Neustädter werden sich zwar damit abfinden müssen, dass er tatsächlich in Ipsheim geboren wurde, können aber Levita weiterhin mit Recht als den ihren betrachten, hat er doch den größten Teil seiner Jugend im Schutz ihrer Mauern verbracht. Außerdem liegt Ipsheim ja in der Nähe, historisch jahrhunderte lang eng mit Neustadt a.d. Aisch verbunden. Ipsheim seinerseits kann seine Dorfgeschichte um ein bisher unbekanntes, interessantes Kapitel erweitern. Beide Orte sollten schließlich nicht übersehen, dass Elia Levita, mit seinem jüdischen Namen Elia ben Asher oder auch Elia Bachur bis zu seinem Tode den Beinamen "Achkenasi" behielt, das heißt: Der Deutsche.

Christoph Rückert


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© RAINER ZIEGLER  ¤
@ 22. September 1999 @