
Breit, respektgebietend, geradezu aristokratisch steht es vor dem Besucher, der von Bad Windsheim her nach Neustadt a.d. Aisch oder der Burg Hoheneck zustrebt. Trotzdem - es war nicht die Residenz derer von Eltershofen, wie man lange glaubte. Die leisen Zweifel, die ich in der Chronik äußerte (S. 61, Fußnote 9) haben sich bestätigt. Nein, es war ein Hof, allerdings ein stattliches Gut, das immer wieder das Interesse adliger Käufer fand, ausgestattet mit einem Schankrecht, 39 Morgen Feld, 10 Morgen Wiesen, einem Weinberg und einem Bezugsrecht von 8 Zentnern Holz aus dem Herrschafts- sowie von 4 Zentnern aus dem Stiftungswald. In einer Beschreibung von 1761 wird eigens erwähnt, dass das Haus "zweigadig" (zweistöckig) war mit Scheuer- und Stallung, der Kuhgarten unmittelbar dahinter von einer Mauer umfangen (auch der heutige Garten ist es noch). Der Hof war dem Markgrafen zinspflichtig.
1695 kaufte der Kriegskommissarius des Neustädter "Unterlandes" - so nannte man diesen Teil des Fürstentums im Gegensatz zum Land "hinter dem Gebürg" um Kulmbach und Bayreuth -, Friedrich Bühl, das Gut dem Hintersassen Hans Membler ab, der 1665 in den Hof eingeheiratet hatte, Friedrich Bühl konnte es sich leisten, das Gut von der markgräflichen Lehensherrschaft freizukaufen, indem er seine wertheimischen Lehen in Ober- und Unternesselbach an den Markgrafen abtrat. Der Herr Kriegskommissarius schien sich in der hiesigen Gegend wohl zu fühlen.
Schon zwei Jahre später erwarb er den allerdings noch immer wüst liegenden Seckendorff'schen Freihof (heute Schulstraße 3). Als Begründer des nach ihm benannten Weilers Bühlberg hat er sich schließlich in der Regionalgeschichte verewigt.
Die Erben Bühls, eine Familie v. Lempe, versilberten das wertvolle, von Abgaben befreite Gut und verkauften es 1760 gegen die stattliche Summe von fast 14.000 Gulden an den 0beramtmann Christoph Heinrich v. Reitzenstein, den ranghöchsten Beamten des Neustadter Unterlandes. Dieser vererbte es seinem Schwiegersohn, Heinrich Traugott v. Schaumberg. Von ihm erwirbt es der Markgraf im Jahr 1779.
Hier soll das neue Amtshaus entstehen. Warum? Der Jahreszins wird mehr und mehr in Geld geleistet: Das Verwaltungspersonal muss vermehrt werden, Es besteht jetzt aus dem Amtmann (= Kastner), dem Amtsgegenschreiber, dem Steuer- und dem Akziseneinnehmer, dem Pfründmeister, dem Zollbereiter und dem Überreuter" (berittener Gendarm). Das alte Amtsgebäude ist zu klein geworden und überdies mit einem Alter von 180 Jahren in jämmerlichem Zustand. Man überlässt es 1793 dem Steuereinnehmer Richter. 1813 kauft es der jüdische Händler Jakob Bärlein aus Kaubenheim; dieser verkauft es 1815 weiter an den Taglöhner Johann Michael Heilmann.
Der Platz für das neue Amtsgebäude ist gut gewählt: in Rufweite zum Kastenbau, im Blickfeld des Amtsknechtshäusleins, vor allem aber an der Gabelung der beiden wichtigsten Dorfstraßen. Ab 1780 entsteht das stattliche Gebäude, repräsentativ als Sitz der hochfürstlichen Kastenamtsbehörde samt Forst- und Wildmeister; der Stil entspricht dem unter Markgraf Carl Alexander üblichen beginnenden Klassizismus. Trotz der ausgreifenden Frontseite wirkt der Bau dank seiner Fensterreihen und der harmonisch in das Walmdach eingefügten Gauben freundlich und einladend, vor allem wenn in der warmen Jahreszeit die Fenster im Blumenschmuck prangen. Die Einfahrt ist groß genug, jede Art von Kutschen aufzunehmen und durch das Hoftor in den Garten passieren zu lassen. Der breite Treppenaufgang und die schönen Stuckdecken verstärken die Atmosphäre hochfürstlicher Amtlichkeit und beeindrucken auch den heutigen Besucher. 1787 kann das neue Amtsgebäude bezogen werden. Jetzt wird auch das alte Amtsknechtshäuslein abgerissen und 1788 neu erbaut. Dass dabei der Voranschlag um 45 Gulden überschritten wurde, war der hochfürstlichen Regierung in Bayreuth einen Tadel wert. Der heutige Bauherr vernimmt's mit Staunen. Als Vertreter des Markgrafen übte der Kastenamtmann gleichzeitig die Dorfherrschaft aus; seine Amtsknechte hatten folglich auch den Nachtwächterdienst zu leisten. Das Amtsknechtshäuslein blieb auch nach der Markgrafenzeit Dienstsitz" der Nachtwächter. Noch heute nennen es die Ipsheimer "Wachhaisla".
Bis zur Eingliederung in das Königreich Bayern, 1810, walten der markgräfliche Kastenamtmann mit seinen Bediensteten samt Forst- und Wildmeister und schließlich der preußische Kammeramtmann im Neubau ihres Amtes. (Das Kammeramt Ipsheim" war während der preußischen Periode, 1792 -1810, für die gesamte staatliche Verwaltung seines Bereiches zuständig, Justiz ausgenommen.) In der bayerischen Zeit ist das Gebäude Sitz des Rentamtes (= Finanzamt).
Nach dessen Verlegung nach Windsheim zieht das kgl.-bayerische Forstamt samt Dienstwohnungen dort ein. Die nicht genutzten Räume des Erdgeschosses bezieht 1919 die Arztpraxis Dr. Jung; nachfolgender Mieter war 1947 die Deutsche Bundespost. Die Deutsche Post AG löste ihre Zweigstelle zum 28. Februar 1999 auf und beendete damit ein Kapitel Ipsheimer Geschichte, das am 1. Oktober 1856 begonnen hatte. Als auch das Forstamt auszieht, werden Ausweichklassenräume für die Schule eingerichtet.
Die Gebietsreform zwischen 1976 und 1980 gibt den entscheidenden Anstoß zur Umwandlung in ein Rathaus. Die Gemeinde hatte schon 1966 das Gebäude vom bayerischen Staat erworben. 1978 kann die Gemeindeverwaltung einziehen. Der geräumige Hof nimmt den Bauhof und das Feuerwehrgerätehaus auf. Es gibt wenig Marktgemeinden, die sich eines solchen Rathauses erfreuen können. Freilich, der denkmalgeschützte Bau verpflichtet. Bürgermeister und Gemeinderat stellen sich dieser Verpflichtung. In den letzten Jahren konnten Dach und Außenseite saniert werden, das Gebäude strahlt im neuen Glanz. Jetzt hat man auch die Innensanierung in Angriff genommen. Damit hat die Gemeinde einen wichtigen Schritt getan, ihren künftigen Generationen das kostbare Erbe zu erhalten.
im März 1999
Christoph Rückert