BERGRAT DR. HANS THÜRACH

thuerach.jpg (6266 Byte)Dr. Hans Thürach wurde am 01. März 1859 als Sohn des Bierbrauers und Landwirts Johann Friedrich Thürach, sowie dessen Ehefrau, Christiana Sophia, geb. Büchner, in Ipsheim geboren. Er besuchte die Volksschule in Ipsheim, danach die kgl. Realschule in Ansbach und anschließend in Nürnberg die kgl. Industrieschule. Vom Herbst 1876 an besuchte er die Universität Würzburg, um sich in den naturwissenschaftlichen Fächern auszubilden. Er arbeitete dort im chemischen Laboratorium unter der Leitung von Professor Wislicenius. Eine länger anhaltende Lungenerkrankung zwang ihn jedoch, das angestrebte Chemiestudium wieder aufzugeben.

Chemische Untersuchungen, die er für den damaligen Inhaber des Lehrstuhls für Mineralogie und Geologie an der Universität Würzburg, Professor Fridolin von Sandberger, ausführte, weckten sein Interesse für die naturwissenschaftlichen Fächer. Geologische Exkursionen und Wanderungen in Begleitung von Professor von Sandberger machten ihn nicht nur mit dem Gesteinsaufbau des fränkischen Schichtstufenlandes vertraut, sondern führten auch bald zu einer Besserung seines Gesundheitszustandes. Auf Veranlassung seines Lehrers untersuchte er in den Jahren von 1879 bis 1884 eingehend das kristalline Grundgebirge im Spessart, welches er zum größeren Teil auch im Maßstab 1 : 25.000 geologisch kartiert hat. Teilergebnisse dieser Forschungstätigkeit dienten als Grundlage für seine Doktorarbeit (1884): "Über das Vorkommen mikroskopischer Zirkone und Titan-Mineralien in den Gesteinen". Am 29.07.1884 promovierte er an der Würzburger Universität mit dem Prädikat "summa cum laude".

Im August 1884 trat er als Hilfsassistent in die geologische Landesuntersuchung beim bayerischen Oberbergamt in München ein. 1884/1885 leistete er seinen Militärdienst ab. 1888 bekam er die Stelle eines ordentlichen Assistenten und am 10.12.1889 schloss er mit Katharina Maria Bäumel die Ehe, welche kinderlos blieb.

Während seiner Tätigkeit als bayerischer Landesgeologe befasste er sich in den Jahren 1886 bis 1889 vorwiegend mit der Erforschung des Keupers in Franken und in der Oberpfalz. Das Keuperprofil in der "Reitsteige", die er in seiner Jugend - wer weiß, wie oft - auf dem Weg von Ipsheim zur Burg Hoheneck hinaufgewandert ist, wurde für den jungen Geologen gewissermaßen zum Schlüssel für die Keuperstratigraphie Frankens. Mit wahrem Feuereifer widmete er sich der Aufgabe, das große fränkische Keupergebiet zwischen Coburg und Crailsheim Schicht für Schicht zu durchforschen und zu gliedern. Das Ergebnis dieser umfangreichen Arbeit, die er in der erstaunlich kurzen Zeit von rund 3 Jahren bewältigt hat, wurde 1888 und 1889 in einer einmaligen Zusammenschau mit dem Titel: "Übersicht über die Gliederung des Keupers im nördlichen Franken im Vergleiche zu den benachbarten Gegenden" veröffentlicht. Seine Untersuchungen im Trias-Schollenland Oberfrankens und der Oberpfalz (1889) führten ihn zu der Erkenntnis, dass die mesozoischen Erdschichten ursprünglich auch noch das paläozoische Gebirge des Frankenwaldes und Fichtelgebirges überdeckt haben müssen, dass also der heutige Rand des alten Gebirges (die sog. "Fränkische Linie") nicht die Küste des Triasbeckens gebildet hat, wie man bis dahin angenommen hatte.

Bis zum Jahre 1893 arbeitete er dann vorwiegend im Trias- und Pleistozän-Gebiet. Soweit ihm seine praktische Tätigkeit Zeit dazu ließ, erweiterte er sein Wissen noch durch die Teilnahme an geologischen und paläontologischen Kollegien an der Münchner Universität.

Am 01.11.1893 trat Dr. Thürach in den Dienst der Badischen Geologischen Landesanstalt über, nachdem er bereits Ende 1891 Professor Rosenbusch, den damaligen Direktor der Landesanstalt in Heidelberg, hatte wissen lassen, dass er gerne in seinem Amt arbeiten würde. Schon am 01.06.1894 wurde er zum etatmäßigen badischen Landesgeologen ernannt und 1908 zum Großherzoglichen Bergrat ernannt. Mit 65 Jahren ging er am 29.02.1924 in den Ruhestand.

Mehr als 50 wissenschaftliche Veröffentlichungen zeugen von der Forschungstätigkeit Thürachs. In der Zeitspanne von 1893 bis 1924 hat er an der geologischen Aufnahme von 16 badischen Kartenblättern (1 : 25.000) mitgewirkt; 11 davon kartierte er alleine und an 5 weiteren Blättern war er beteiligt. Diese Kartenblätter liegen teils im Keupergebiet des Kraichgaus, teils in der Rheinebene und z.T. im Schwarzwald. Als einer der ersten Geologen entwarf Dr. Thürach zu jedem neuen Kartenblatt auch eine Schichtlagerungskarte. Damit führte er diese Darstellungsweise in die geologische Kartenerläuterung ein. Neben seiner intensiven Kartierungstätigkeit arbeitete er noch an ungezählten geologischen Gutachten, die sich mit der Beschaffung von nutzbaren Gesteinen und Erden sowie von Erzen und Trinkwasser beschäftigten. Wegen seiner großen geologischen Erfahrungen betreute er viele Tiefbohrungen, die auf Mineral- und Thermalwässer sowie auf Erdöl und Salzlager angesetzt worden sind. Diese Gutachtertätigkeit führte ihn ab und zu auch wieder einmal in seine fränkische Heimat. Auf Grund scharfsinniger Überlegungen wagte er 1899 die Voraussage, dass der Mittlere Muschelkalk im Untergrund Mainfrankens mächtige Steinsalzlager enthalten könnte. Untersuchungsbohrungen, die daraufhin angesetzt worden sind, trafen das vermutete Steinsalzlager auch im Steigerwaldvorland an verschiedenen Orten.

Es liegt in der Natur der Sache, dass er sich im Laufe seines Forscherlebens auch manchmal geirrt hat, dass nicht jede seiner geologischen Untersuchungen von Erfolg gekrönt war. Besonders tragisch entwickelte sich für ihn sein persönliches Eintreten für die Wünschelrute. In den letzten 10 -15 Jahren seines Lebens verwendete er viel Zeit und Mühe darauf, ihre heute noch umstrittene Wirkungsweise wissenschaftlich in den Griff zu bekommen, um sie in den Dienst der praktischen Geologie stellen zu können. Dass er nach seiner Pensionierung seine Ansichten zu diesem Problem in Zeitungsartikeln der Öffentlichkeit unterbreitete, verwickelte ihn in polemische Auseinandersetzungen mit seinen Kollegen und brachte ihn bei Geologen in Misskredit. Trotz seiner hohen Verdienste um die Geologie, führte er in seinen letzten Jahren das zurückgezogene Leben eines Außenseiters.

Im Sommer 1927 stürzte Thürach in seiner Wohnung und brach sich ein Bein. Nach kurzem Krankenlager starb er am 11. Juli 1927 im 69. Lebensjahr im Diakonissenhaus von Freiburg i.Br.

Dr. Hans Thürach war ein sehr scharfer Beobachter, der auch scheinbare Nebensächlichkeiten an den Gesteinsproben und im Aufschluss getreulich registrierte, deren Bedeutung man erst später richtig zu werten wusste. Seine solide chemische und mineralogische Ausbildung spiegelt sich in seinen sehr genauen Gesteinsbeschreibungen wider. Er verlor sich jedoch nicht in den Einzelheiten, sondern überschaute auch mit ordnendem Blick die großen regionalen Zusammenhänge. Seine gediegenen Fachkenntnisse und seine Begeisterung für die Geologie befähigten ihn zu Leistungen, die ihm seitens der jüngeren Kollegen, welche heute auf seinen Spuren weiterforschen, uneingeschränkte Anerkennung und Respekt einbringen. Allein schon die körperliche Leistung, welche die sorgfältige geologische Aufnahme einer schätzungsweise 17 Kartenblätter 1 : 25.000 umfassenden Fläche erfordert, ist bewundernswert; - noch mehr, wenn man weiß, dass der große, schwere Mann etwa ab 1899 an einem Beinleiden litt, das ihn bis zu seinem Tode in zunehmendem Maße plagte.

Aus Tagebuchnotizen ist zu entnehmen, wie beschwerlich ihm manchmal das tägliche Marschieren, bergauf und bergab, war. Seine Leistungen waren mit schwerer Arbeit, zähem Fleiß und großen persönlichen Opfern erkauft. In seinem Wesen war er mehr zurückhaltend, was aber nicht ausschloss, dass er im Freundeskreis auch sehr fröhlich sein konnte. Er war hilfsbereit und selbst sehr anspruchslos. Auf eigene Erkenntnisse und hart erarbeitetes Wissen gestützt, vertrat er seine Meinung offen und ungeschminkt. Diese Art hat vermutlich zu Spannungen zwischen ihm und seinem früheren Vorgesetzten in Bayern, Oberbergdirektor Dr. C.W. v. Gümbel, geführt, dessen Autorität in der geologischen Erforschung Bayerns damals unerreicht war und auch heute noch unbestritten ist. Jedenfalls kann man zwischen den Zeilen einzelner Bemerkungen Dr. Thürachs herauslesen, dass er sich im Schatten v. Gümbels nicht recht wohl fühlte. Das dürfte zumindest ein gewichtiger Grund dafür gewesen sein, weshalb er aus dem bayerischen Staatsdienst in den badischen überwechselte.

Seine grundlegenden Forschungsarbeiten auf bayerischem Gebiet - im Grundgebirge des Spessart (1893) und im Keuper Frankens (1888/1889) - gehören zum klassischen Bestand der geologischen Literatur. Er hat sich damit selbst ein bleibendes Denkmal in der geologischen Landesuntersuchung Bayerns gesetzt.

Entnommen aus dem Sonderdruck: "Erläuterungen zur Geologischen Karte von Bayern 1 : 25.000, Blatt Nr. 6438 Bad Windsheim 1969".


Zurück

© RAINER ZIEGLER  ¤
@ 22. September 1999 @