2. "Kastenbau" mit Brunnenanlage, Ipsheim

Der mächtige Bau überragt alle Gebäude des Marktes Ipsheim; sein wuchtiges Walmdach prägt die Dachlandschaft des Ortes. Der Bau ist ein steinernes Geschichtsbuch geworden. Blättern wir zurück:

Das 16. Jahrhundert brachte den Menschen in Ipsheim und in ganz Franken viel Kummer und Unruhe. Von den noch schlimmeren Zeiten des folgenden Jahrhunderts ahnte man noch nichts. Da waren zunächst die aufrüttelnden Nachrichten aus Wittenberg. Dann erhoben sich die Bauern. Der Aufstand kostete Tausende von ihnen das Leben. Das folgende Strafgericht des Markgrafen Kasimir war grausam. Er schlug auch in Ipsheim zu. Zehn gefangene Bauern ließ er hier enthaupten; dem Dorf legte er eine hohe Brandschatzung auf, weil die Ipsheimer sich geweigert hatten, auf Seiten des Markgrafen zu kämpfen.

Die Wunden des Bauernkrieges waren kaum verheilt, da stürzte der Zweite Markgrafenkrieg (1552-1554) das Frankenland erneut ins Unglück. Markgraf Albrecht Alcibiades, der echte Sohn seines grausamen Vaters Kasimir, fiel über seine fränkischen Gegner her: die Hochstifte Bamberg und Würzburg, den Deutschen Orden und die Reichsstädte. Diese schlugen ebenso brutal zurück. Fast das ganze Neustädter Unterland wurde von den Reichsstädtischen 1553 in Schutt und Asche gelegt. Insgesamt fielen 170 Dörfer und 90 Schlösser in Franken den gegenseitigen Mordbrennereien zum Opfer, darunter die Burg Hoheneck und das Dorf Ipsheim.

Dem klugen und zielstrebigen Markgrafen Georg Friedrich, der 1558 die Herrschaft im Fürstentum Brandenburg-Kulmbach übernommen hatte, gelang es, einen hohen Schadensersatz von den ehemaligen Kriegsgegnern herauszuholen. Damit ließ er u. a. Burg Hoheneck wieder aufbauen, allerdings ohne den großen, markanten Wehrturm. Die fortgeschrittene Kriegstechnik hatte ihn überflüssig gemacht. Damit entfiel aber auch ein Teil der Lagerkapazität. Andererseits ließen es die Erfahrungen des Bauernkrieges und des Zweiten Markgrafenkrieges wohl auch ratsam erscheinen, in Konfliktzeiten eine stärkere Truppe in der Burg zu halten. Dazu brauchte man Platz.

So gedieh der Plan, die Ablieferungen der Bauern auszulagern und in Ipsheim einen "Kasten" zu bauen. Größere Lagerräume waren ohnehin längst notwendig, weil die Zahl der ablieferungspflichtigen markgräflichen Bauern gestiegen war. Hanns von Seckendorff-Aberdar zu Sugenheim hatte schon 1508 das Dorf Sugenheim und dazu 15 Eigengüter in Ipsheim dem Markgrafen zu Lehen übertragen. Auch in der Folgezeit ließen die Markgrafen keine Gelegenheit aus, ihre Lehensherrschaft zu erweitern. Ihre Erwerbspolitik in Ipsheim vom 15. bis zum 18. Jahrhundert ist ein beredtes Beispiel.

Am 22. Februar 1571 tauschte der Markgraf zwei seiner Anwesen in Ipsheim (jetzt Oberndorfer Straße 2 und 4) mit der Witwe Anna des Kastners Bibra, die mitten im Dorf wohnte (jetzt Marktplatz 8 und 10); ein stattliches Hofgelände ("Hofreite" nannte, man es damals) hinter ihrem Haus gehörte dazu. Anna Bibra konnte ihre Felder in das eingetauschte Grundstück ziehen. Der Tausch war insgesamt nicht unfair. Als Witwe eines markgräflichen Beamten hätte sie sich ohnehin kaum dagegen wehren können.

Man kann annehmen, dass das ehemalige Wohnhaus der Witwe noch im gleichen Jahr, 1571, abgerissen und an gleicher Stelle das Amtshaus, der Dienstsitz des Kastners und seiner Helfer, errichtet worden ist. Im Verlauf der nächsten 10 Jahre entstanden auf der Hofreite der Kastenbau und eine Scheune (heute Hauptstraße 5, Raiffeisenbank). Die großen Ausmaße des Kastenbaus, 37 m Länge und 14 m in der Breite, Dachhöhe 22 m, entsprachen dem inzwischen gewachsenen Umfang des Kastenamtsbereiches Ipsheim. Der Kastner Hannß Bußer zählt 1589, also nach Fertigstellung des Kastens, 15 Orte auf, deren markgräfliche Hintersassen nach Ipsheim zu liefern haben, weil "sie dem Ambt Hoheneck ... unterworfen" seien. Nach einer Aufstellung im Zins- und Gültbuch des Kastners Georg Gallenmeier 1571, also bei Baubeginn, waren es sogar einige mehr. Der Bauherr stellte offenbar eine Zunahme der zinspflichtigen Bauernstellen in Rechnung. Die Kalkulation schien zunächst aufzugehen. Im 18. Jahrhundert waren es 35 Dörfer, aus denen Bauern nach Ipsheim "Zins und Gült" zu liefern hatten.

Das schmucklose Äußere und die für Kühle sorgenden dicken Mauern gaben dem Kasten das Aussehen einer alten Fronveste, im Notfall leicht zu verteidigen. Möglicherweise hatte man bei der Planung die Erfahrungen des Bauernkrieges und des Markgrafienkrieges im Hinterkopf. Der Bau wirkte eher abweisend, wäre da nicht der viergeschossige Treppenturm mit seinen Fensteröffnungen, groß genug, die hoch-gehievten gebündelten Ablieferungen einzuholen. Eine den Treppenturm und das ganze Gebäude horizontal umlaufende Bordüre, die Steinfassungen an den Ecken und schließlich das Portal verweisen auf den Stil der auslaufenden Renaissance. Zwei vermutlich später aufgesetzte Seitengiebel lockern mit ihrem Fachwerk die Frontseite weiter auf. Seit langen Jahrzehnten thront auf dem Dachfirst des Treppenturms ein Storchennest.

Ab 1581 rollten die Wagen der zinspflichtigen Hintersassen zum Kastenbau nach Ipsheim. Wahrscheinlich waren die Bauern froh, nicht mehr den mühseligen Weg zur Burg Hoheneck hinaufzotteln zu müssen. Die eingesparte Zeit konnte man gut zu Besorgungen im Dorf ausnützen oder auch, warum nicht, in einem Ipsheimer Wirtshaus verbringen. Für Mensch und Tier war es auch nicht ungünstig, dass sich unmittelbar hinter dem Kastenbau einer der beiden Gemeindebrunnen befand; der andere war auf dem heutigen Markgrafenplatz. Für die Entwicklung Ipsheims war es jedenfalls sehr günstig, dass der Sitz des Kastenamtes nicht mehr auf der Burg, sondern unten im Dorf war. Verteilten sich die Ablieferungen des Zehnten auf das ganze Jahr, so herrschte um Michaelis (29. September) Hochsaison am Kastenbau; für die meisten Bauern war um diese Zeit der Jahreszins fällig.

Im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte verlor der Kastenbau jedoch seine Bedeutung als Naturallager. Immer mehr ging man dazu über, den jährlichen Zins in Geld zu zahlen. Beim Zehnt zeigte sich die gleiche Tendenz. So wird z.B. 1766 der Weinzehnt in Ipsheim offiziell in jährliche Geldablieferung umgewandelt. Das endgültige Aus als Zinsscheune kam 1848 mit dem Gesetz zur Aufhebung der Grundherrschaft. Die Bauern konnten im Lauf der folgenden 50 Jahre die Grundherrschaft mit einem jährlichen "Bodenzins" ablösen. Der Kastenbau war von da an für die Obrigkeit - seit 1810 das Königreich Bayern - uninteressant geworden. Der Staat bot das Gebäude der Gemeinde an. Diese erwarb es lt. Beschluss der Gemeindeversammlung vom 5. April 1853 für 3.300 Gulden. Aber was tun mit dem riesigen Kasten? Man brachte die Feuerwehrgeräte dort unter, den Seitenkeller überließ man 1956 für drei Jahre der Molkerei, der größere Teil des Baus blieb längere Zeit ungenutzt.

Die "Überlandzentrale Ipsheim" zieht ein

So war man froh, als man das Gebäude an die im September 1907 gegründete Genossenschaft „Überlandzentrale Ipsheim" vermieten konnte. Schon im Juli 1908 wurde die Kraftzentrale im Erdgeschoß in Betrieb genommen. Den dazu notwendigen baulichen Veränderungen hatte die Gemeinde am 29. März 1908 zugestimmt. Das historische Bild des Kastens blieb gewahrt. Ab 1912 standen im Erdgeschoß drei große Dieselaggregate, die Dorf und Umgebung mit Strom versorgten.

Ein Teil des zweiten Obergeschosses blieb zunächst der Gemeinde vorbehalten. Man richtete dort 1920 ein Gemeindeamtszimmer mit Standesamt ein. Den Rest des Bodens überließ man dem TSV 1910 als Übungsraum. Der Verein ließ noch 1920 den Fußboden instandsetzen, musste aber bald dem gestiegenen Raumbedarf des Überlandwerks weichen. 1922 hatte es im zweiten Obergeschoß zwei Maschinistenwohnungen eingerichtet, die übrigen Geschoße dienten als Ersatzteillager. 1924 griff das Werk nach dem Feuerwehrgeräteraum im Erdgeschoß; es baute dafür auf eigene Kosten ein Spritzenhaus an der Nordseite des Kastenbaus.

1927 erwarb die Genossenschaft das Haus Nr. 53 1/3, das einige Jahre später dann Platz machte für ein Verwaltungsgebäude mit Dienstwohnungen und einem Verkaufsraum. 1931 fiel Haus Nr. 54. Auf seinem Platz entstand eine Lagerhalle mit Garagen und zwei Dienstwohnungen. Schließlich versorgte die Überlandzentrale Ipsheim 94 Ortsnetze mit Strom. So hatte der Kastenbau unerwartet seine frühere zentrale Bedeutung für die ganze Umgebung zurückgewonnen, jetzt aber in moderner Funktion. Mit der Lieferung von Elektrizität gab er der näheren Umgebung einen kräftigen Schub zur technischen Entwicklung. Oft war der Bau auch Zeuge wichtiger Dorfereignisse: Märkte, Zirkusveranstaltungen, Kundgebungen, Aufmärsche, Standkonzerte usw, die vor seinen Mauern stattfanden.

Doch bald wird der Kastenbau wieder ein Opfer des Wandels. Am 1. Januar 1957 übernimmt die "Fränkische Überlandwerk AG" die Ipsheimer Überlandzentrale. Der Betrieb in Ipsheim wird eingestellt, ein schwerer Verlust für die Gemeinde. Von der Beherbergung einiger Gewerbebetriebe abgesehen, ist der 40-jährige Bau seither verwaist. Wieder steht die Gemeinde, wie 1853, vor der Frage: "Was tun mit dem Bau?" 'Der damalige Bürgermeister Hans Herold und der Gemeinderat waren sich der historischen Bedeutung dieses Gebäudes bewusst. Es ist das älteste des Marktfleckens, wenn wir von einigen romanischen Bauelementen der Kirche absehen. Mit beträchtlichem Kostenaufwand wurde das mächtige Walmdach erneuert.

Zur großen Freude der kleinen und großen Ipsheimer hat im Jahr 1998, nach jahrelanger Pause, wieder ein Storchenpaar das Nest bezogen und verbringt seitdem sogar die Wintermonate darin.

Im "Kastenbau", der im Erdgeschoss auch einen Veranstaltungsraum für ca. 160 Personen bietet (kann angemietet werden), arbeiten heute zwei Firmen.

Die Brunnenanlage am "Kastenbau"

Die Grundidee zur Brunnenanlage ging vom „Kastenbau“ aus, bei dem es sich um einen monumentalen Bau handelt, der ruhig in einer Pflasterfläche liegt, wie ein Schiff im Wasser. Das Wasser als fließendes Element ist ein Symbol für die Zeit.

Der Brunnentrog mit dem hervorquellenden Wasser stellt den Ursprung des Ortes und der Zeit dar. Daher ist auch das Gemeindewappen im Brunnentrog angebracht. Von hier aus fließt das Wasser - wie die Zeit - die Rinne entlang, von der Vergangenheit in die Zukunft. Wichtige Daten der Ortsgeschichte sind als Jahreszahlen am Boden der Rinne und auf den begleitenden Stelen dokumentiert.

Das Wasser fließt jedoch nicht gleichmäßig, sondern kommt schubweise. Dies entspricht auch unserem Erleben von Zeit. Durch das schubweise Einleiten des Wassers bewegt sich die Wasseroberfläche. Damit verschwimmen die Zahlen, speziell die weiter zurückliegenden Ereignisse, – wie auch in unserer persönlichen Erinnerung –. Ein Scheinwerfer beleuchtet die Wasserrinne nachts. Das Licht weist in die Zukunft, die Vergangenheit verschwindet im Dunkel.

Neben der Rinne stehen Stelen aus Muschelkalk. Auf Tafeln sind die herausragenden Ereignisse des Ortes verdeutlicht. Wer die Wasserrinne aufmerksam betrachtet, wird bemerken, dass noch Platz für ein weiteres herausragendes Ereignis frei ist.

Die Brunnenanlage soll anregen, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen.

Für Ortsfremde soll die Brunnenanlage ein Anziehungspunkt sein, der Lust auf weitere Entdeckungen im Markt Ipsheim machen soll.

Der Platz mit dem Brunnen wurde anlässlich eines Bürgerfestes am 17.08.2003 eingeweiht.

Die Brunnenanlage sowie die Platzgestaltung wurde von der ARGE STADT & LAND aus Neustadt a.d. Aisch geplant.

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Das Projekt "Besucherlenkung und Information im Weinort Ipsheim" wird gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER).

 

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