Historische Persönlichkeiten

Elia Levita - Ein bedeutender Sohn Ipsheims

Wenn jemand in allen großen Lexika der europäischen Kulturnationen steht und bei jeder Neuauflage immer wieder aufgeführt wird, muss er zu den bedeutendsten Köpfen der Menschheit zählen. Dass dazu ein gebürtiger Ipsheimer zählt, ist eine ganz neue Erkenntnis. Denn die Lexika erwähnen Ipsheim nicht - noch nicht! Als Geburtsort ist fast stets Neustadt a.d. Aisch angegeben, in einigen Fällen Venedig.
Die Rede ist von dem zu seiner Zeit berühmten jüdischen Humanisten und Sprachwissenschaftler Elia Levita, im jüdischen Sprachgebrauch Elia Bachur oder Elia Ben Asher Ashkenasi = Elia, Sohn des Asher, genannt der Deutsche.
Aber in Ipsheim gab es doch gar keine Juden, wird man mir entgegenhalten. Das ist wohl ein Irrtum! Mit Sicherheit wohnte im 15. Jahrhundert mindestens eine jüdische Familie in Ipsheim. Im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts sind zwar noch einige jüdische Hausbesitzer fassbar, sie wohnten jedoch nicht dort. So hat 1726 ein Josef Levi aus Neustadt a.d. Aisch den Komplex der Mayschen Schlosshöfe (ehemals Hausnummern 100 und 102, jetzt Marktplatz 15) erworben und ihn 1728 an den Bäcker Philipp Riedel weiterverkauft. 1806 verkauft Mendel Löw aus Lenkersheim das untere Stockwerk des Mayschen Schlössleins (Hausnummer 101, jetzt Kirchplatz 1). Eine Statistik von 1807 nennt aus dem Bereich des damaligen königlich-preußischen Kammeramtes Ipsheim die Orte Lenkersheim mit 13, Burgbernheim und Dottenheim mit je drei und Kaubenheim mit sieben jüdischen Familien. Ipsheim wird in der Statistik nicht erwähnt.
Dass jedoch in früheren Jahrhunderten jüdische Familien hier gelebt haben mussten und eine davon sogar einen bedeutenden Wissenschaftler hervorgebracht hat, ist ein neuer und interessanter Aspekt der Ipsheimer Dorfgeschichte. Die zufällige Entdeckung spielte sich folgendermaßen ab:
1. Szene, Ort: Wien. Da stößt vor einigen Jahrzehnten ein Levita-Forscher in der österreichischen Nationalbibliothek in Wien durch Zufall auf ein kostbares Werk aus der Frühzeit des Buchdruckes. Es handelt sich um das seltene Exemplar eines hebräischen Wörterbuches aus dem 12. Jahrhundert, das jener Elia Levita Anfang des 16. Jahrhunderts mit eigenen Kommentaren in Italien herausgebracht hatte. Im Kopf der ersten Seite findet sich ein handschriftlicher Vermerk folgenden Inhalts: "Der Herr hat in seiner Gnade seinen Diener gesegnet, den jüngsten, verachtswertesten, niedrigsten unter den Menschen, Elie, Sohn des Rabbi Asher (gesegnet sei sein Andenken) aus dem Dorf Ipsheim." Schriftvergleiche ergeben, dass es tatsächlich die Handschrift Levitas ist. Das Buch stammt demnach aus Levitas Eigenbesitz.
2. Szene, Ort: Universität Leiden, Holland. Professor Gérard Weil geht von dieser Entdeckung in Wien aus und schreibt ein Buch über Elia Levita. Es erscheint 1963 in französischer Sprache und stellt das bisher umfangreichste und gründlichste Werk der Levita-Forschung dar.
3. Szene, Ort: Schweinfurt. Der Schweinfurter Gymnasiallehrer Rudolf Scheuring liest die Reproduktion eines Ritterromans von Elia Levita, 1949 in den USA gedruckt. Scheuring stößt dort auf die Anmerkung, dass Levita 1469 im Dorfe Ipsheim an der Aisch bei Nürnberg geboren sei. Er teilt dies freundlicherweise dem Ipsheimer Bürgermeister mit.
4. Szene, Ort: Ipsheim. Die Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung legt mir bei einem meiner Besuche im Gemeindearchiv den Brief aus Schweinfurt auf den Tisch. "Vielleicht können Sie damit etwas anfangen?" Levita? Der Große Brockhaus hilft weiter: "... jüdischer Gelehrter und Grammatiker, geb. in Neustadt a.d. Aisch, 13.02.1469, gest. 28.01.1549 ... übte wesentlichen Einfluss auf die christliche Hebraistik aus ..." Das umfangreiche Angebot an Nachschlagewerken der Universitätsbibliothek Erlangen aus aller Herren Länder bietet Ausführlicheres. Aber bis auf ein französisches Lexikon, das Venedig als Geburtsort nennt, geben sie alle Neustadt a.d. Aisch als Geburtsort an. Dann stoße ich auf das Buch von Gérard Weil: Elia Levita, Humaniste et Massorète (1469 - 1549). Weil berichtet ausführlich über den handschriftlichen Vermerk Levitas zu seinem Geburtsort Ipsheim. Er bezeichnet den Fund als einen ganz großen Zufall ("retrouvée par le plus grand des hasards").
Der Lebensweg Elia Levitas ist außergewöhnlich. Nach Weil ist Elia Levita um 1469/70 in Ipsheim geboren, als jüngster von neun Söhnen des Rabbi Asher Levita. Andere Forscher errechnen sein Geburtsdatum auf den 13.02.1469, allerdings mit dem Geburtsort Neustadt a.d. Aisch. Wenn ein Rabbi mit seiner Familie in Ipsheim lebte, kann man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit annehmen, dass auch noch andere jüdische Familien zu jener Zeit in Ipsheim wohnten. Beweise hierfür haben sich jedoch bis jetzt nicht finden lassen.
Die Familie scheint schon frühzeitig nach Neustadt a.d. Aisch verzogen zu sein. Wir wissen nicht, wann; erschließbar ist jedoch, warum. Markgraf Albrecht Achilles (reg. 1440 - 1486) hatte am 07. Januar 1473 den Juden seines Herrschaftsgebietes einen "Freibrief" ausgestellt. Hiernach durften die Juden im ganzen Land Handel treiben, Tiere opfern und ihren Riten gemäß baden. Darüber hinaus erhielten sie das Recht, ihren Wohnsitz zu wechseln. Es ist denkbar, dass Rabbi Asher diese Gelegenheit nutzte, und um 1473 mit seiner Familie nach Neustadt a.d. Aisch gezogen ist. Dort, in der Sommerresidenz des Landesherrn, war man sicherer als im ungeschützten Dorf, zumal jetzt auch der "Gänshügel", wo die Juden wohnen konnten, im Schutz der erweiterten Stadtmauer lag. Markgraf Albrecht ließ auch die diskriminierende Kennzeichnung der Juden nicht zu - Spitzhut oder gelber Reifen -, obwohl er vom Fürstbischof von Bamberg dazu aufgefordert worden war.
Die Großmut des Markgrafen war nicht umsonst zu haben. Jede jüdische Familie musste jährlich 15 fl (Gulden) zahlen, etwa der Preis für 450 Kilogramm Rindfleisch. Ein neuer Schutzbrief im Jahr 1484 brachte dem Landesherrn weitere 800 fl ein. Zusätzlich hatte die jüdische Gemeinde in Neustadt a.d. Aisch der Gemahlin des Fürsten zu Weihnachten 100 fl, seinem Sohn Friedrich ebenfalls 100 fl und dem zweiten Sohn Sigmund 50 fl zu geben. Albrecht Achilles hatte seiner zweiten Gemahlin Anna Neustadt a.d. Aisch als Witwengut zugewiesen. Auch sie hielt ihre schützende Hand über die Neustädter Judenschaft.
So verbrachte Elia Levita den größten Teil seiner Jugend in relativ sicheren Verhältnissen in Neustadt a.d. Aisch. Mit dem Regierungsantritt Friedrichs des Älteren 1486 änderten sich jedoch die Verhältnisse. Nach 1488 kam es wieder zu Judenvertreibungen.
Erneute Verfolgung mag wohl für den jungen Elia der Grund gewesen sein, nach Italien auszuwandern. 1496 ist er in Venedig, ab 1504 in Padua zu finden. Seine überragende Intelligenz und seine umfangreichen Kenntnisse, deren Grundstock ihm schon sein Vater vermittelt hatte, dazu seine sprachliche und pädagogische Begabung ließen ihn dort bald zu einem bewunderten und gefragten Lehrer werden, der einen berühmten Schülerkreis um sich versammelte. Als erster Jude führte er christliche Wissenschaftler in die hebräische Sprache ein. Bekannte Humanisten der Reformationszeit, wie Sebastian Münster und Paul Fagius, scheuten nicht die weite und beschwerliche Reise, um bei ihm Hebräisch zu lernen. Er stand in fruchtbarem Meinungsaustausch mit dem berühmten Tübinger Professor Reuchlin, dem Ziehvater und Großonkel Philipp Melanchthons. Es überrascht nicht, dass auch Melanchthon die Werke Levitas kannte und nutzte, wie man aus dem Brief Melanchthons an die Nürnberger Reformatoren Osiander und Veit Dietrich weiß. Osiander selbst stand im Briefwechsel mit Levita.
Inzwischen ist Levita, etwa ab 1504, in Rom zu finden. Er hatte bei einer Plünderung Paduas seine ganze Habe und seine Manuskripte verloren. In Rom lernte er Ägidius von Viterbo kennen, den Generaloberen des Augustinerordens - und damit den höchsten Vorgesetzten des Augustinermönchs Martin Luther. Ägidius, fasziniert von der Kapazität Levitas, nahm ihn und seine Familie in sein Haus auf und studierte bei ihm die hebräische Sprache. Mehr als zwölf Jahre kann Levita, frei von Unterhaltssorgen, im Hause des Kirchenfürsten - Ägidius ist seit 1517 Kardinal - seinen wissenschaftlichen Arbeiten nachgehen. Levita war wohl der einzige Jude seiner Zeit, der sich einer solchen Gunst erfreuen konnte. Und so erlebte der gebürtige Ipsheimer im Zentrum der Kirche die aufwühlende Auseinandersetzung um Martin Luther.
Aber wieder kam das Verhängnis. 1527 eroberten und plünderten die meuternden Landsknechte Kaiser Karls V. die Ewige Stadt. Wieder verlor Levita seine ganze Habe. Er konnte mit seiner Familie nur das nackte Leben retten und ließ sich schließlich in Venedig nieder. Die großzügige Judenpolitik der Stadt und das Vorhandensein einer leistungsfähigen hebräischen Druckerei waren wohl die Gründe für die Ortswahl.
Bald scharte sich wieder eine gewichtige Schülerschaft um ihn, darunter auch der französische Gesandte und spätere Bischof Georges de Selve. Dessen Berichte beeindruckten den französischen König Franz I. so sehr, dass er Levita die Stelle eines Professors für Hebräisch an der Sorbonne, Europas vornehmster Universität, anbot - ein ganz außergewöhnlicher Gunstbeweis. Nichts könnte Ruhm und Ansehen des gebürtigen Ipsheimers eindrucksvoller unterstreichen. Dazu muss man wissen, dass er der einzige Jude in Frankreich gewesen wäre, denn seit 1394 war den Juden der Aufenthalt in Frankreich verboten. Aber Levita, der sich gerne in alttestamentarischer Weise als "Niedrigster" oder "Verachtenswertester" bezeichnete, besaß so viel Selbstachtung und Solidarität zu seinen Glaubensbrüdern, dass er das ehrende Angebot ablehnte. Es hätte ihn aller wirtschaftlicher Sorgen enthoben. Trotzdem wurde er von orthodoxen Juden wegen seines vorurteilsfreien Umgangs mit Christen, gleich ob Katholiken oder Lutheraner, immer wieder heftig angefeindet.
1541 unternahm Elia Levita im Alter von 71 Jahren noch einmal die Reise in die alte deutsche Heimat. Auf Bitten des Tübinger Professors Paulus Fagius übernahm er in Isny und Konstanz die Korrekturarbeiten zu seinen eigenen Werken, die Fagius herausbringen wollte. In Isny vollendete Levita noch einige wichtige Werke und ließ sie dort auch drucken, sicher mit ein Grund, die anstrengende Reise noch einmal zu wagen. Denn die Druckerei in Venedig war eingegangen. Nach drei Jahren kehrte er nach Venedig zurück. Trotz seines hohen Alters widmete er sich der Vollendung seines wissenschaftlichen Werkes. Er starb in der Lagunenstadt am 28. Januar 1549 im Alter von 80 Jahren.
In der Vergangenheit stand Levita als Sprachwissenschaftler in hohem Ansehen. Die Übersetzung seiner hebräischen Werke ins Lateinische durch Sebastian Münster verschaffte ihnen eine weite Verbreitung. Paul Fagius, schließlich Professor der Theologie in Straßburg und Cambridge, hat ebenfalls viel dazu beigetragen. So wurde Levita neben Reuchlin zum Begründer der Hebräistik, insbesondere für die Christen. Als sein bedeutendstes gedrucktes Werk gilt "Massoreth ha-Massoreth" (= Überlieferung der Überlieferung), eine kritische sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Überlieferungsgeschichte des Alten Testaments. In der jüdischen Orthodoxie machte er sich damit allerdings viele Feinde.
Nicht weniger bedeutend sind seine Arbeiten über das Jiddische, die hebräisch und slawisch eingefärbte deutsche Mundart der mittel- und osteuropäischen Juden. Er verfasste das erste jiddisch-hebräische Wörterbuch, übersetzte den Psalter ins Jiddische und verfasste Ritterepen in jiddischer Sprache. Sein jiddischer Vers-Roman "Bovo d´Antonia" ist heute noch in vielen jüdischen Familien zu finden. So tritt zu den Leistungen Levitas als Sprachwissenschaftler und Lehrer die des Literaten. Er machte das Jiddische zur Literatursprache.
1983 hat die Stadt Neustadt a.d. Aisch Levitas Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Venedig restaurieren lassen, eine lobenswerte, wenn auch späte Geste an ihren großen Sohn. Die Neustädter werden sich zwar damit abfinden müssen, dass er tatsächlich in Ipsheim geboren wurde, können aber Levita weiterhin mit Recht als den ihren betrachten, hat er doch den größten Teil seiner Jugend im Schutz ihrer Mauern verbracht. Außerdem liegt Ipsheim ja in der Nähe, historisch jahrhunderte lang eng mit Neustadt a.d. Aisch verbunden. Ipsheim seinerseits kann seine Dorfgeschichte um ein bisher unbekanntes, interessantes Kapitel erweitern. Beide Orte sollten schließlich nicht übersehen, dass Elia Levita, mit seinem jüdischen Namen Elia ben Asher oder auch Elia Bachur bis zu seinem Tode den Beinamen "Achkenasi" behielt, das heißt: Der Deutsche.
Christoph Rückert

Bergrat Dr. Hans Thürach

Bergrat Dr. Hans Thürach
Bergrat Dr. Hans Thürach

Dr. Hans Thürach wurde am 01. März 1859 als Sohn des Bierbrauers und Landwirts Johann Friedrich Thürach, sowie dessen Ehefrau, Christiana Sophia, geb. Büchner, in Ipsheim geboren. Er besuchte die Volksschule in Ipsheim, danach die kgl. Realschule in Ansbach und anschließend in Nürnberg die kgl. Industrieschule. Vom Herbst 1876 an besuchte er die Universität Würzburg, um sich in den naturwissenschaftlichen Fächern auszubilden. Er arbeitete dort im chemischen Laboratorium unter der Leitung von Professor Wislicenius. Eine länger anhaltende Lungenerkrankung zwang ihn jedoch, das angestrebte Chemiestudium wieder aufzugeben.
Chemische Untersuchungen, die er für den damaligen Inhaber des Lehrstuhls für Mineralogie und Geologie an der Universität Würzburg, Professor Fridolin von Sandberger, ausführte, weckten sein Interesse für die naturwissenschaftlichen Fächer. Geologische Exkursionen und Wanderungen in Begleitung von Professor von Sandberger machten ihn nicht nur mit dem Gesteinsaufbau des fränkischen Schichtstufenlandes vertraut, sondern führten auch bald zu einer Besserung seines Gesundheitszustandes. Auf Veranlassung seines Lehrers untersuchte er in den Jahren von 1879 bis 1884 eingehend das kristalline Grundgebirge im Spessart, welches er zum größeren Teil auch im Maßstab 1 : 25.000 geologisch kartiert hat. Teilergebnisse dieser Forschungstätigkeit dienten als Grundlage für seine Doktorarbeit (1884): "Über das Vorkommen mikroskopischer Zirkone und Titan-Mineralien in den Gesteinen". Am 29.07.1884 promovierte er an der Würzburger Universität mit dem Prädikat "summa cum laude".
Im August 1884 trat er als Hilfsassistent in die geologische Landesuntersuchung beim bayerischen Oberbergamt in München ein. 1884/1885 leistete er seinen Militärdienst ab. 1888 bekam er die Stelle eines ordentlichen Assistenten und am 10.12.1889 schloss er mit Katharina Maria Bäumel die Ehe, welche kinderlos blieb.
Während seiner Tätigkeit als bayerischer Landesgeologe befasste er sich in den Jahren 1886 bis 1889 vorwiegend mit der Erforschung des Keupers in Franken und in der Oberpfalz. Das Keuperprofil in der "Reitsteige", die er in seiner Jugend - wer weiß, wie oft - auf dem Weg von Ipsheim zur Burg Hoheneck hinaufgewandert ist, wurde für den jungen Geologen gewissermaßen zum Schlüssel für die Keuperstratigraphie Frankens. Mit wahrem Feuereifer widmete er sich der Aufgabe, das große fränkische Keupergebiet zwischen Coburg und Crailsheim Schicht für Schicht zu durchforschen und zu gliedern. Das Ergebnis dieser umfangreichen Arbeit, die er in der erstaunlich kurzen Zeit von rund 3 Jahren bewältigt hat, wurde 1888 und 1889 in einer einmaligen Zusammenschau mit dem Titel: "Übersicht über die Gliederung des Keupers im nördlichen Franken im Vergleiche zu den benachbarten Gegenden" veröffentlicht. Seine Untersuchungen im Trias-Schollenland Oberfrankens und der Oberpfalz (1889) führten ihn zu der Erkenntnis, dass die mesozoischen Erdschichten ursprünglich auch noch das paläozoische Gebirge des Frankenwaldes und Fichtelgebirges überdeckt haben müssen, dass also der heutige Rand des alten Gebirges (die sog. "Fränkische Linie") nicht die Küste des Triasbeckens gebildet hat, wie man bis dahin angenommen hatte.
Bis zum Jahre 1893 arbeitete er dann vorwiegend im Trias- und Pleistozän-Gebiet. Soweit ihm seine praktische Tätigkeit Zeit dazu ließ, erweiterte er sein Wissen noch durch die Teilnahme an geologischen und paläontologischen Kollegien an der Münchner Universität.
Am 01.11.1893 trat Dr. Thürach in den Dienst der Badischen Geologischen Landesanstalt über, nachdem er bereits Ende 1891 Professor Rosenbusch, den damaligen Direktor der Landesanstalt in Heidelberg, hatte wissen lassen, dass er gerne in seinem Amt arbeiten würde. Schon am 01.06.1894 wurde er zum etatmäßigen badischen Landesgeologen ernannt und 1908 zum Großherzoglichen Bergrat ernannt. Mit 65 Jahren ging er am 29.02.1924 in den Ruhestand.
Mehr als 50 wissenschaftliche Veröffentlichungen zeugen von der Forschungstätigkeit Thürachs. In der Zeitspanne von 1893 bis 1924 hat er an der geologischen Aufnahme von 16 badischen Kartenblättern (1 : 25.000) mitgewirkt; 11 davon kartierte er alleine und an 5 weiteren Blättern war er beteiligt. Diese Kartenblätter liegen teils im Keupergebiet des Kraichgaus, teils in der Rheinebene und z.T. im Schwarzwald. Als einer der ersten Geologen entwarf Dr. Thürach zu jedem neuen Kartenblatt auch eine Schichtlagerungskarte. Damit führte er diese Darstellungsweise in die geologische Kartenerläuterung ein. Neben seiner intensiven Kartierungstätigkeit arbeitete er noch an ungezählten geologischen Gutachten, die sich mit der Beschaffung von nutzbaren Gesteinen und Erden sowie von Erzen und Trinkwasser beschäftigten. Wegen seiner großen geologischen Erfahrungen betreute er viele Tiefbohrungen, die auf Mineral- und Thermalwässer sowie auf Erdöl und Salzlager angesetzt worden sind. Diese Gutachtertätigkeit führte ihn ab und zu auch wieder einmal in seine fränkische Heimat. Auf Grund scharfsinniger Überlegungen wagte er 1899 die Voraussage, dass der Mittlere Muschelkalk im Untergrund Mainfrankens mächtige Steinsalzlager enthalten könnte. Untersuchungsbohrungen, die daraufhin angesetzt worden sind, trafen das vermutete Steinsalzlager auch im Steigerwaldvorland an verschiedenen Orten.
Es liegt in der Natur der Sache, dass er sich im Laufe seines Forscherlebens auch manchmal geirrt hat, dass nicht jede seiner geologischen Untersuchungen von Erfolg gekrönt war. Besonders tragisch entwickelte sich für ihn sein persönliches Eintreten für die Wünschelrute. In den letzten 10 -15 Jahren seines Lebens verwendete er viel Zeit und Mühe darauf, ihre heute noch umstrittene Wirkungsweise wissenschaftlich in den Griff zu bekommen, um sie in den Dienst der praktischen Geologie stellen zu können. Dass er nach seiner Pensionierung seine Ansichten zu diesem Problem in Zeitungsartikeln der Öffentlichkeit unterbreitete, verwickelte ihn in polemische Auseinandersetzungen mit seinen Kollegen und brachte ihn bei Geologen in Misskredit. Trotz seiner hohen Verdienste um die Geologie, führte er in seinen letzten Jahren das zurückgezogene Leben eines Außenseiters.
Im Sommer 1927 stürzte Thürach in seiner Wohnung und brach sich ein Bein. Nach kurzem Krankenlager starb er am 11. Juli 1927 im 69. Lebensjahr im Diakonissenhaus von Freiburg i.Br.
Dr. Hans Thürach war ein sehr scharfer Beobachter, der auch scheinbare Nebensächlichkeiten an den Gesteinsproben und im Aufschluss getreulich registrierte, deren Bedeutung man erst später richtig zu werten wusste. Seine solide chemische und mineralogische Ausbildung spiegelt sich in seinen sehr genauen Gesteinsbeschreibungen wider. Er verlor sich jedoch nicht in den Einzelheiten, sondern überschaute auch mit ordnendem Blick die großen regionalen Zusammenhänge. Seine gediegenen Fachkenntnisse und seine Begeisterung für die Geologie befähigten ihn zu Leistungen, die ihm seitens der jüngeren Kollegen, welche heute auf seinen Spuren weiterforschen, uneingeschränkte Anerkennung und Respekt einbringen. Allein schon die körperliche Leistung, welche die sorgfältige geologische Aufnahme einer schätzungsweise 17 Kartenblätter 1 : 25.000 umfassenden Fläche erfordert, ist bewundernswert; - noch mehr, wenn man weiß, dass der große, schwere Mann etwa ab 1899 an einem Beinleiden litt, das ihn bis zu seinem Tode in zunehmendem Maße plagte.
Aus Tagebuchnotizen ist zu entnehmen, wie beschwerlich ihm manchmal das tägliche Marschieren, bergauf und bergab, war. Seine Leistungen waren mit schwerer Arbeit, zähem Fleiß und großen persönlichen Opfern erkauft. In seinem Wesen war er mehr zurückhaltend, was aber nicht ausschloss, dass er im Freundeskreis auch sehr fröhlich sein konnte. Er war hilfsbereit und selbst sehr anspruchslos. Auf eigene Erkenntnisse und hart erarbeitetes Wissen gestützt, vertrat er seine Meinung offen und ungeschminkt. Diese Art hat vermutlich zu Spannungen zwischen ihm und seinem früheren Vorgesetzten in Bayern, Oberbergdirektor Dr. C.W. v. Gümbel, geführt, dessen Autorität in der geologischen Erforschung Bayerns damals unerreicht war und auch heute noch unbestritten ist. Jedenfalls kann man zwischen den Zeilen einzelner Bemerkungen Dr. Thürachs herauslesen, dass er sich im Schatten v. Gümbels nicht recht wohl fühlte. Das dürfte zumindest ein gewichtiger Grund dafür gewesen sein, weshalb er aus dem bayerischen Staatsdienst in den badischen überwechselte.
Seine grundlegenden Forschungsarbeiten auf bayerischem Gebiet - im Grundgebirge des Spessart (1893) und im Keuper Frankens (1888/1889) - gehören zum klassischen Bestand der geologischen Literatur. Er hat sich damit selbst ein bleibendes Denkmal in der geologischen Landesuntersuchung Bayerns gesetzt.
Entnommen aus dem Sonderdruck: "Erläuterungen zur Geologischen Karte von Bayern 1 : 25.000, Blatt Nr. 6438 Bad Windsheim 1969".

Johann Daniel Gruber - Geheimer Justizrat des britischen Königs

Johann Daniel Gruber
Johann Daniel Gruber

Göttingen, so formulierte es geistreich der Redner beim Stadtjubiläum, gehöre zu den wenigen Kommunen in Deutschland, „bei denen nicht eindeutig zu klären ist, ob die Stadt eine Universität oder die Universität eine Stadt besitzt.“
Unzweifelhaft dagegen ist die Rolle des Johann Daniel Gruber in dieser Angelegenheit. Ohne den Geheimen Justizrat am königlich-kurfürstlichen Hof in Hannover wäre Göttingen ganz einfach eine Stadt ohne Alma mater geblieben. Erst mehrere Gutachten Grubers – der Laudator vergaß nicht, sie beim Festakt gebührend zu erwähnen - bereiteten den Boden für die 1737 eröffnete Hochschule .
Genau genommen verdankt die Stadt an der Leine ihre Uni einem waschechten Aischgründer, denn die Wiege Grubers stand im fränkischen Ipsheim. Hier, unterhalb der Hoheneck, erblickte er am 11. April 1686 als Sohn des „becken“ (Bäckers) Johann Georg Gruber und seiner Ehefrau Kunigunda das Licht der Welt. Laut Eintrag im bis heute im Ipsheimer Pfarrhaus aufbewahrten Kirchenbuch wurde das „ehelich Söhnlein“ einen Tag später - Ortspfarrer war damals Magister Johann Sebastian Arzberger - auf die Namen Johann Daniel getauft. Als „Gevatter“( Pate) ist der „hochfürstliche brandenburg. Castner zu Windsheim und Vogt zu Altheim“, Johann Daniel Fleischer, vermerkt, der aber durch Abwesenheit glänzte und sich „bei der hl. Taufe“ vertreten ließ.
Über die Kinderzeit des kleinen Johann Daniel ist nichts überliefert. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass ihn der Vater, der neben seinem Brotberuf das Ehrenamt des Kirchenpflegers ausübte, mit Nachdruck in christlicher Denkungsart erzogen hat. Schon in der Dorfschule, die seit der Reformation im Mesnerhaus nahe der Kirche (neben dem heutigen Kriegerdenkmal) untergebracht war, ließ der Knabe offensichtlich sehr gute Geistesgaben erkennen, die ihn für einen höheren Bildungsweg qualifizierten. Er erhielt eines der begehrten Stipendien für die Fürstenschule in Heilsbronn. Dieses Gymnasium im ehemaligen Kloster, 1581 von Markgraf Georg Friederich d. Ä. gestiftet, stand rund 100 begabten Söhnen des Landes aus einfachen Verhältnissen offen. Die Schüler erhielten neben dem Unterricht Bücher, Kleidung sowie Kost und Unterkunft gratis. „Gewissermaßen die damalige Bafög-Form“, wie es in einem Heilsbronner Stadtprospekt unserer Tage heißt.
Johann Daniel Gruber war 18 Jahre alt, als er 1704 an die renommierte Universität in Halle wechselte. Geprägt von seinem frommen Elternhaus in Ipsheim und der streng lutherisch orientierten Lateinschule, deren historisches Gebäude vom „Evangelischen Sonntagsblatt“ zu den „steinernen Symbolen protestantischen Bildungsanspruches“ gezählt wird, hörte der Student zunächst theologische Vorlesungen. Bald merkte er aber, daß ihm Geschichte und Jurisprudenz mehr zusagten. Seine wissenschaftliche Karriere auf diesen Feldern ist respektabel: 1710 erlangte er die philosophische Doktorwürde, 1721 promovierte er mit einer juristischen Arbeit. Der zweifache Doktor lehrte von 1724 bis 1727 als ordentlicher Professor der Rechte an der Universität Gießen, ehe er als kurfürstlich-hannoverscher Hof- und Kanzleirat nach Celle ging.
Die entscheidende Weichenstellung in seinem Berufsleben verdankte Gruber einem Kommilitonen aus den Hallenser Studienjahren, Gerlach Adolf Freiherr von Münchhausen. Der inzwischen zum hannoverschen Minister aufgestiegene zwei Jahre jüngere Studienfreund berief ihn 1729 als kurfürstlicher Bibliothekar und Historiograph nach Hannover. Gruber war damit Direktor der Hofbibliothek und in diesem Amt einer der Nachfolger von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716), dessen unvollendete Arbeit an der Geschichte des Welfenhauses er fortsetzen sollte.
Bei seinen Nachforschungen über das Adelsgeschlecht hatte sich der berühmte Leibniz, Philosoph und bedeutendster Universalgelehrter des Barock, im wahrsten Sinne des Wortes verzettelt und sich dadurch den Unmut des Hofes in Hannover zugezogen. Johann Daniel Gruber oblag es nun, das hinterlassene Material für eine Veröffentlichung aufzubereiten. Mit dem Thema war er vertraut: Bereits seine erste Doktorarbeit über den Welfenkönig Konrad I.(„Germania Princeps postcarolingica sub Conrado I. orientalium Francorum rege“ ) behandelte einen Abschnitt dieser fränkischen Dynastie.
Zwar erlebte auch Gruber die endgültige Herausgabe des Geschichtswerkes nicht mehr, sein wesentlicher Anteil am Zustandekommen der „Origines Guelfiace“ wird aber von den Historikern bis heute anerkannt. Publizistische Bedeutung errang er darüber hinaus mit seinen 1740 erschienenen „Origines Livonae sacrae et civilis“, einer Geschichte des Baltikums, die 1747 auch in deutscher Übersetzung („Der Liefländischen Chronik erster Theil ...“) gedruckt wurde, mit einer Sammlung von Leibniz-Briefen („Commercii epistolici Leibnitiani“) und der „Zeit-und Geschicht-Beschreibung der Stadt Göttingen“, einem mehrbändiges Werk von insgesamt sechs Autoren. Gruber lieferte dazu die Vorrede und den Quellenbericht nebst Fortsetzung.
Seine Verdienste um die Stadtchronik werden aber überragt von seiner Rolle bei der Gründung der Universität. 1732 beauftragte Kurfürst Georg August von Hannover, seit 1727 als Georg II. auch König von Großbritannien, seinen Minister Münchhausen mit der Planung einer Hochschule in seinen Erblanden. Münchhausen wiederum übertrug die Begutachtung möglicher Standorte seinem Freund und Berater Johann Daniel Gruber. Dieser verfaßte ein heute noch gern zitiertes Plädoyer für die Stadt an der Leine:
... Göttingen ist groß und bereits ziemlich bebaut, kann auch mit geringen Kosten noch besser zugerichtet werden. Der Ort selbst liegt in einer gesunden anmutigen Gegend, und weil er von den übrigen Hauptstädten weit entfernt ist, so ist er der Wohlfeilste im ganzen Land, auf welche Beschaffenheit die Hauptreflexikon zu nehmen ist.
Georg August folgte der Empfehlung. Gruber, inzwischen zum Geheimen Justizrat avanciert, durfte die dem König vorgelegten Universitäts- Privilegien entwerfen und – eine besondere Ehre – die 1737 erfolgte Eröffnung der nach dem Landesherrn benannten Hochschule ( „Georgia Augusta“) der gelehrten Welt ankündigen. Mit der offensichtlichen Erwartung, daß sich eine internationale Studentenschaft einfinden möge. In einem Brief Grubers an den Göttinger klassischen Philologen Johann Mathias Gesner (1691 – 1761), dem früheren Rektor der Thomasschule in Leipzig und Freund Sebastian Bachs, heißt es:
Die Engelländische Jugend ist sehr neugierig. Man hat observiret, dass wie die Universität zu Wittenberg gestifftet worden, viel von ihnen aus Curiosität dahin gegangen sind, welche Lutheri und Melanchthonis principia mit nach Hause gebracht. In Halle haben sich auch verschiedene aufgehalten. Darum Göttingen um so mehr ein gleiches Verhoffen hat, da es von ihrem König gestiftet
Bei allem Engagement für das Uni-Projekt verlor Gruber seine Hauptaufgabe als Leiter der Hofbibliothek nicht aus den Augen. Seine fast zwanzigjährige Amtszeit von 1729 bis zu seinem Tode am 24. März 1748 zählt zur fortschrittlichen Phase der inzwischen “Königliche öffentliche Bibliothek“ genannten Stätte des Wissens. Hier wurde der berühmte „Catalogus perpetuus“, der erste Zettelkatalog der Welt, entwickelt. Die Präfekten waren, wie unser Prof. Dr. Dr. Johann Daniel Gruber, Gelehrte von Rang. Speziell Gruber fand wegen seiner „ausgezeichneten Verwaltung“ und der von ihm veranlassten „werthvollen Acquisitionen“ hohe Anerkennung.
Gruber war übrigens nicht der einzige Franke an der Spitze der Königlichen Bibliothek in Hannover, die heute als Niedersächsische Landesbibliothek den Namen von Gottfried Wilhelm Leibniz trägt. Ab 1802 amtierte hier 19 Jahre lang Johann Georg Heinrich Feder (1740 – 1821), Verfasser philosophischer Werke und ordentlicher Professor an der Universität Göttingen. Während uns über den in Schornweisach geborenen Feder eine Autobiographie viel von dessen persönlichen Lebensumständen mitteilt, fehlt es an Hinweisen auf die private Seite des Ipsheimers Johann Daniel Gruber.Vielleicht verspürt ja die Ipsheimer Heimatforschung Lust, die biographische Spur aufzunehmen. Eine der bedeutenden Persönlichkeiten der Marktgemeinde, der Bäckersohn im Dienste eines englischen Königs, wäre die Mühe sicher wert. In Hannover und Göttingen schlummern in den Archiven noch ungehobene Schätze.

Werner P. Binder

Literatur: Clemens Alois Baader: „Lexikon verstorbener Baierischer Schriftsteller des achtzehenten und neunzehenten Jahrhunderts“,
1. Bd, Seite 209 ff., Augsburg und Leipzig 1824; Bodemann: „Gruber, Johann Daniel“ In: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 10, Seite 4,
Leipzig 1879; Walter Nissen, „Göttingen gestern und heute – Eine Sammlung von Zeugnissen zur Stadt- und Universitätsgeschichte“, Göttingen 1972; Walter Buff, „Gerlach Adolph Freiherr von Münchhausen als Gründer der Universität Göttingen“, Göttingen 1937;
Christoph Rückert, „Ipsheim. Die Chronik eines fränkischen Dorfes“,
Ipsheim 1989; J.D. Gruber, „Zeit- und Geschicht-Beschreibung der Stadt Göttingen“, Erster Band, Hannover Göttingen 1734

 

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