Die "Weiße Frau" - Eine Erzählung aus Hohenecks vergangenen Tagen

An der Mauer der nächtlichen Burg bewegt sich eine Gestalt. So oft der Mond aus den Wolken bricht, zeichnet sich gegen das graue Gestein das bärtige Gesicht eines Mannes ab, der das vierte Jahrzehnt schon hinter sich haben mochte. Matt blinkt für einen Augenblick das Beil seiner Hellebarde auf, dann taucht eine Wolke die Gestalt wieder in geheimnisvolles Dunkel. Über das Aischtal heult ein kalter Westwind. Fauchend peitscht er die Wolkenfetzen vor sich her, rüttelt an den Läden und Türen der Burg, jault im Gebälk des Wehrganges herum und pfeift weiter durch die Kronen des Hohenecker Forstes.

Vor dem nahezu vollen Mond huschen in schneller Folge die Schatten seltsam geformter Wolken, die schlafende Landschaft bald mit fahlem Licht übergießend, bald in mystisches Dunkel zurückstoßend. Es ist, als ob ein Heer riesenhafter Urweltgeister über das Aischtal galoppiere.

Eben taucht die Gestalt des Wächters wieder an der dem Tale zugekehrten Mauer der Burg auf. Da bleibt sie lauschend stehen. Aus dem Grund trägt der Wind 12 hallende Glockenschläge herauf. Der Glöckner des Ipsheimer Kirchleins zeigt die mitternächtliche Stunde an. Der Jörg ist kein Feigling, aber heute ist ihm unheimlich zumute, er weiß selbst nicht, warum.

Er hat plötzlich das Gefühl, als ob irgend jemand in der Nähe sei, der nicht hierher gehört. Misstrauisch gleitet sein Blick über den Wallgraben, versucht das Dickicht jenseits zu durchdringen, verliert sich im Dunkel des Tales. Dort unten braut sich etwas zusammen, er weiß es. Mit dem Frühling ist eine merkwürdige Unruhe in die leibeigenen Bauern geraten. Drüben im Schwäbischen soll es sogar zu Aufständen gekommen sein. Jörg sind die finsteren Blicke der Bauern nicht entgangen, die sie ihnen nachschickten, als er mit dreien seiner Kameraden hinter dem Burgherrn jüngst durch Ipsheim ritt.

Nachdenklich setzt Jörg seinen Rundgang fort. Es ist aber auch ein Hundeleben, das die Bauern da unten führen, bei allen Teufeln. Er braucht sich nur seiner eigenen Kindheit zu erinnern. In der armseligen Hütte seines leibeigenen Vaters war Schmalhans ewiger Küchenmeister. Wie hatte der Bub die Reitknechte des Markgrafen von Ansbach immer beneidet, wenn sie hoch zu Ross mit übermütigen Gesichtern über die Wiesen trabten! Damals stand für ihn fest: So einer musste er auch einmal werden.

Seit über 20 Jahren ist er nun schon im Dienste des Herrn auf Hoheneck, hatte reiten gelernt und im Sattel schon manchen Strauß bestanden. Sein Herr ist mit ihm sehr zufrieden gewesen. Jörg war ein kräftiger Bursche, zeigte sich geschickt im Umgang mit Waffen. Trotzdem er jetzt in die Fünfziger geht, nimmt er es noch mit jedem Jungen auf. Als vor wenigen Wochen der Burgherr aus Nürnberg einige Musketen hat kommen lassen, hat er sogar noch schießen gelernt. Aber er kann an diesen neumodischen Dingern keinen rechten Spaß finden. Man weiß nie, nach welcher Seite sie losgehen. Ihr ohrenbetäubender Knall ist ihm zuwider. Außerdem ist's kein ehrlicher Handel. Jörg lobt sich den Kampf von Mann zu Mann, von Ross zu Ross. Jedenfalls betrachtet er die schweren, unhandlichen Donnerbüchsen, die seit kurzem in einigen Schießscharten liegen, mit ausgesprochenem Misstrauen. Wenn es sich irgendwie machen lässt, schlägt er einen großen Bogen um sie. Aber trotz dieser und anderer Enttäuschungen ist er mit seinem Leben wohl zufrieden. Er bekommt seinen Sold, hat Essen und Trinken - mehr braucht er nicht. Was kümmern ihn also andere?

"Jörg!"

Eine gedämpfte Stimme reißt ihn aus seinem Sinnieren. Den Teufel auch! Bei diesem Wind hat er nicht die nahenden Schritte der Ablösung gehört.

"Hast Du was gesehen, Jörg?"

In der Stimme des Fragestellers schwingt eine mühsam unterdrückte Erregung. Wäre der Mond nicht eben hinter einer Wolke verschwunden, so hätte Jörg in dem noch bartlosen Gesicht des jungen Berchtholds ehrliche Angst sehen können.

"Nichts, warum fragst Du?"

"Sie sagen, es geht wieder um in der Burg!"

Jörg zuckt zusammen. Aber schnell beherrscht er sich. Diesem Grünschnabel gegenüber gibt ein Reitersknecht keine Furcht zu. Grob fährt er den Jungen an:

"Halt's Maul! Weibergewäsch! Pass lieber gut auf!"

Damit lässt er ihn allein.

Verlassen liegt der Burghof. Düster starren die alten Quader der Burg auf Jörg herab, kalt wie der Tod. Es mutet seltsam an, dass hinter ihnen das warme Blut lebender Menschen pochen soll. Hier ist nichts zu spüren von menschlichem Wesen. Wo sind die Stimmen, die tagsüber fröhlich über den Hof schallten? Es ist, als ob hier nie eines Menschen Zunge geredet hätte. Der durchdringende Schrei eines Käuzchens und das Jaulen des Windes im Gebälk sind die Stimmen, die hier herrschen - die Stimmen der Geister!

Jörg steht noch immer an der schmalen, eisenbeschlagenen Tür, durch die er den Hof betreten hat! Der alte Kämpe, den in mannigfachen Fehden seines Brotherren weder Zittern noch Zagen kannte und manch starken Mann aus dem Sattel fällte, hat plötzlich Angst, über den Hof zu gehen. Er entschließt sich, den Weg über den Wehrgang zu nehmen und steigt die knarrende Eichenstiege hinan. Sich immer wieder misstrauisch umsehend, tappt er vorwärts.

Der Sturm hat sich verstärkt. Immer wütender faucht er um die Mauern. Das Jaulen ist zu einem fortwährenden hohlen Pfeifen geworden. Eben lässt eine dahingaloppierende Wolke den Mond wieder frei. Sein kaltes Licht wirft um die Burg einen bläulich-fahlen, gespensterhaft schimmernden Mantel. Wie von einer schweren Faust getroffen, fährt Jörg auf einmal zusammen. Das Blut stockt in seinen Adern!

"Heilige Mutter Gottes, steh´ mit bei!"

Dort drüben bewegt sich etwas -- eine weiße -- Gestalt - langsam geht sie an der Wand entlang - nein, sie geht nicht - sie schwebt -- nein, auch nicht - sie - bewegt sich eben! Kalter Schweiß tritt auf Jörgs Stirn. Dem alten Landsknecht zittern die Knie. Er will schreien und bringt keinen Laut über die Lippen. Mit aufgerissenen Augen folgt er dem Gespenst. Eine Nonne - deutlich glaubt er den weißen Schleier über Haupt und Schulter zu erkennen. Das lange, weiße Gewand ist das einer Nonne. Und doch - es ist kein Gewand - es ist - gar nichts! Er kann durch die Gestalt hindurch sehen wie durch ein Spinnennetz! Weder Kopf, Arme noch Beine sind zu erspähen. Gleichwohl ist es ihm, als ob sie ein Licht mit sich trage. Ein Licht jedenfalls geistert mit ihr an der Wand entlang. Langsam wandelt sie auf die Tür der Burgkapelle zu. Wenige Augenblicke später ist sie dahinter verschwunden. Die Tür hatte sie aber nicht geöffnet!

Schreck gelähmt steht der Jörg an der Brüstung. Mit zitternder Hand schlägt er schließlich ein Kreuz. Damit löst sich seine Starrheit. Blindlings taumelt, stürzt er vorwärts und hält nicht eher inne, bis er die Tür der Gesindestube erreicht hat. Er rüttelt Veit aus dem Schlaf, ein schweres Stück Arbeit. Endlich rührt der sich.

"Was ist denn!" brummt er unwillig. In hastigen, überstürzenden Worten berichtet Jörg sein unheimliches Erlebnis. Veit ist mit einem Mal hell wach.

"Die weiße Frau! - Das bedeutet nichts Gutes!" Von der "weißen Frau" hat Jörg schon öfter gehört, bis zu dieser Nacht aber nie so recht daran geglaubt.

"Man sagt, sie sei eine treulose Gräfin gewesen."

"Nein, treulos nicht, aber gemordet hat sie!"

Veit, der jetzt an keinen Schlaf mehr denkt, erzählt im Flüsterton, was er von seiner Mutter, einer Magd der Burgherrin, die ihn vor über fünfzig Jahren zur Welt brachte, gehört hat. Der noch immer zitternde Jörg lässt sich erschöpft auf das Stroh nieder und lauscht der grausamen Geschichte:

"Vor langer Zeit lebte auf einer Burg, Plassenburg nennt man sie, die Gräfin von Orlamünde mit ihren zwei Kindern. Der Graf war auf einem Kreuzzug ungekommen und die junge, schöne Gräfin wollte, nachdem sie ein Jahr in Trauer verbracht hatte, den stolzen Burggrafen Albrecht von Nürnberg zum Gatten haben. Der aber zögerte.

Die Gräfin verfiel auf den Gedanken, es seien ihre beiden Kinder, die ihn abhielten. Blind vor Leidenschaft stieß sie eines Nachts den armen Kleinen eine lange, goldene Nadel in die noch zarten Köpfchen und erzählte am anderen Morgen, ihre Kinder seien des Nachts plötzlich gestorben.

Aber gar bald regte sich die Reue. Und als aus der Heirat nichts wurde, schlug ihr Gewissen noch heftiger. Sie fand keine Ruhe mehr, sie nahm schwerste Buße auf sich, auf den Knien rutschte sie an das Grab ihrer gemordeten Kinder - alles half nichts.

Schließlich gründete sie ein Kloster in Gründlach bei Nürnberg, entsagte allem Weltlichen, wurde Nonne und lebte bis an ihr Ende nur noch ihrer Reue. Aber auch nach ihrem Tod konnte sie keine Ruhe finden. Ihr Geist wandelt noch heute durch alle Schlösser, die den Nachkommen der Burggrafen von Nürnberg gehören, um dessentwillen sie jene furchtbare Mordtat begangen hatte.

Hier auf Hoheneck, das ja auch zu den Besitzungen der Hohenzollern zählt, ist sie seit langem nicht mehr gewesen. Das letzte Mal sah sie die Großmutter unseres gnädigen Herrn, als sie noch eine ganz junge Frau war. Sie ist im selbigen Jahr gestorben. Ich sage Dir, Jörg, das bedeutet nichts Gutes."

Mit dieser unheilvollen Prophezeiung beendet Veit seinen Bericht. Beide haben für den Rest der Nacht kein Auge zugemacht.

Im gleichen Jahr wurde Hoheneck von einem Haufen aufständischer Bauern angegriffen. Um ein Haar wäre es ihnen gelungen, sich der Burg zu bemächtigen. Nur mit Mühe konnten sich die Hohenecker behaupten. Schließlich mussten die Bauern mit blutigen Köpfen abziehen. Im Wallgraben blieben drei Dutzend Tote und einige umgestürzte Leitern liegen. Die Hohenecker hatten mehrere Verwundete und nur einen Toten: - Jörg.

Bis vor wenigen Jahren hing in einer Nische des langen Ganges, der zum großen Rittersaal führt, ein lebensgroßes Bild von der Weißen Frau mit dem Nonnenschleier über Haupt und Schulter und einer Laterne in der rechten Hand. Mit leeren Augen starrte sie den Besucher an. Man erzählt sich, daß in mondhellen Nächten bisweilen nur der Rahmen des Gemäldes an der Wand gehangen sei. Gesehen aber hat die weiße Frau seit jener Nacht des Jahres 1525 niemand mehr ...

Christoph Rückert

 

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